"Edler und starker Wein erregt, getrunken, die Gefäße und das Blut des Menschen in unrichtiger Weise
und zieht die Säfte und alle Feuchtigkeit, die im Menschen sind, an sich, wie es die abführenden
Tränke tun, und führt dadurch zuweilen vor der richtigen Zeit den Harn mit Gefahr aus. Dies tut der
Wein vom Hunsrück nicht, weil er nicht so stark ist, dass er die Säfte des Menschen übermäßig
erregen könnte. Deshalb sollen die Kräfte eines schweren Weins gemildert werden entweder durch
eingetauchtes Brot oder durch Zugießen von Wasser, weil er weder einem gesunden noch einem
kranken Menschen zum Trinken nützt, wenn er nicht in dieser Weise gemildert ist. Es ist jedoch nicht
nötig, den Hunsrücker Wein so zu verdünnen, weil er keine so starken Kräfte in sich hat. Will ein
Mensch ihm gleichwohl Wasser zusetzen oder Brot hineintunken und ihn so trinken, so ist er umso
angenehmer zu trinken, aber nicht um so gesunder. Der Wein aber hat von Natur etwas Wässeriges in
sich, weil er durch den Tau und den Regen ernährt wird. Daher kommt es, dass ein Mensch, der Wein
trinkt, trotzdem er ihn dauern trinkt und kein Wasser, gleichwohl in seinem Blut wässerige Säfte hat."
Hildegard von Bingen